I Vom liturgischen Gedächtnis zur historischen Biographie
Die erste Aufzeichnung über die heilige Wiborada im Profeßbuch der Abtei St. Gallen. — Historische Einträge im Regelcodex unter den Verbrüderungen und in den Annales Sangallenses maiores. — Die ältere Vita des X. Jahrhunderts. — Andere Wiboradatexte des Mittelalters: Kalendar, Litanei, Meßformulare, Sequenz, Hymnus, Offizium, Verse Ekkeharts IV., Epitaphien. — Die jüngere Vita des XI. Jahrhunderts. — Lateinische Epitome und deutsche Übersetzungen der jüngeren Vita im XV. Jahrhundert.
Am 1. Mai 926 erlitt die Rekluse Wiberat den Martyrertod durch die in St. Gallen einfallenden Ungarn. Sie hatte ihre vermauerte Zelle bei der Magnuskirche (St. Mangen) nicht verlassen wollen und war als einzige am Ort zurückgeblieben.
Die Mönche haben wohl sogleich gewußt, daß das Leben und Sterben dieser ungewöhnlichen Frau, einer Martyrin der stabilitas loci, besonderen Gedenkens wert war. Sie trugen das Datum des Martyriums in ihr Profeßbuch ein1: KALENDIS MAIIS WIBERAT reclusa a paganis interempta «Am ersten Mai wurde die Rekluse Wiberat von den Heiden getötet». Dieser Eintrag ist in mehrfacher Hinsicht beachtlich. Er stellt in dem ursprünglich für die Aufnahme der Profeßformeln der Mönche bestimmten Heft die einzige Notiz historischen Inhalts dar. Der Eintrag ist durch Gebrauch der Capitalis rustica für Datum und Name graphisch hervorgehoben; die Rustica wird sonst im Profeßbuch nicht verwendet. Schließlich gibt der Eintrag den Namen der Martyrin noch in ihrer deutschen Form wieder. Das alles spricht dafür, daß der Eintrag «unter dem Eindruck der Tat» erfolgte2.
Es war naturgemäß zunächst Wiboradas Bruder Hitto, Priester und Mönch in St. Gallen, der den Jahrtag des Martyriums der Rekluse beging. Der Abt duldete nicht nur, sondern förderte diese memoria; jedoch nicht so, daß sogleich ein großes Fest inszeniert worden wäre — so wie man auf der benachbarten Reichenau zur selben Zeit die Ankunft einer Heiligenblut-Reliquie feierte3. Die Verehrung der heiligen Wiborada entwickelte sich langsamer, zögernder aus dem historischen Gedächtnis, in dessen Treue sich St. Gallen kaum von einem anderen Ort übertreffen ließ. Wir dürfen die wenigen bedeutungsvollen Worte im Profeßbuch als eine Aufnahme Wiberats in das innerste Gedenken der Abtei interpretieren und als ein Zeugnis für den Beginn des Jahrtagsgedächtnisses unter Abt Engelbert (926-934).
Auf diesen liturgisch-commemorativen Eintrag im Profeßbuch folgen drei historische Einträge im Codex 915 der Stiftsbibliothek. Unter den Verbrüderungen am Anfang dieses Buchs, dem meistbenützten «Regelcodex» der Abtei, steht die Notiz4 Anno ab incarnatione domini DCCCCXXVI passa est a paganis beatae memoriae Wiborada reclusa Indictione XIIII KL̅D Maias «Im Jahr 926 nach Fleischwerdung des Herrn hat durch die Heiden gelitten die Rekluse Wiborada seligen Andenkens in der vierzehnten Indiktion am 1. Mai».
In den Annales Sangallenses maiores im selben Codex heißt es5: ↑ XVI ... Uuiberat reclusa est. ↑ XXV ... Agareni monasterium sancti GALLI invaserunt Uuiberat martyrizata est. «916 ... Wiberat wurde eingeschlossen. 925 (!) ... Die Ungarn6 fielen in das Kloster des heiligen Gallus ein. Wiberat erlitt das Martyrium».
Das Verhältnis der Notizen untereinander ist nicht leicht zu bestimmen. Der Eintrag unter den Verbrüderungen (Anno ab ...) ist blau überstrichen. Einzelne Buchstaben sind blau und rot gefüllt. Der Eintrag stammt nach seinem Schriftcharakter jedenfalls aus dem X. Jahrhundert7. Noch im selben Jahrhundert wurde in ähnlicher Schrift darunter geschrieben De martyrio suo, was eine ungelenke Hand als Federprobe wiederholte. Weitere Federproben sind wieder abradiert worden. In seiner Formulierung ist der Text Anno ab ... sichtlich abhängig vom Eintrag im Profeßbuch. Man vergleiche a paganis ... reclusa ... KL̅D Maias. Das profane interempta ersetzte der Chronist durch das christliche passa, den deutschen Namen durch den lateinischen Wiborada. Neu ist die Jahresangabe. Dem Schreiber der Notiz im Verbrüderungsbuch kam es nicht so sehr auf das liturgische wie das historische Gedächtnis an. Dafür ist der Platz gut gewählt, denn die Verbrüderungen sind mit Erinnerungen an bedeutende Wohltäter St. Gallens verknüpft. Das war der geeignete Ort, zusätzlich eine wichtige historische Erinnerung festzuhalten.
Der Eintrag unter den Verbrüderungen ist also auf ganz ähnliche Weise zustandegekommen wie der im Profeßbuch. Beide Male wurde ein für den Konvent zentraler und vielbenützter Codex für den eigentlich fremden Zweck genutzt, das Gedächtnis Wiberats festzuhalten, das eine Mal jedoch wurde in liturgischer Weise nur das Tages- und Monatsdatum notiert, das andere Mal mit Rücksicht auf ein historisches Interesse auch die Jahreszahl.
In den Notizen der Annales Sangallenses maiores steht wieder die deutsche Namensform Wiberat, wie im Profeßbuch. Die beiden Daten geben schon ein Grundgerüst der Biographie der Heiligen: Rekludierung und Martyrium, sacrificium mentis und sacrificium carnis. Freilich ist das zweite Datum falsch. Die Ungarn fielen nicht im Jahr 925, sondern, wie durch historische Untersuchungen dargetan wurde8, im Jahr 926 in St. Gallen ein. Da sich die richtige Jahresangabe noch in der Notiz unter den Verbrüderungen findet, nimmt man an, daß sie älter ist als die der Annales Sangallenses maiores. Das leuchtet auch vom codicologischen Befund her ein. Die historische Notiz unter den Verbrüderungen war sinnvoll, solange die Geschichtsschreibung im Kloster darniederlag. Sobald aber die Klosterannalistik wieder einsetzte, und das war ab 955/956 der Fall9, war ein Vermerk über die heilige Wiborada in den Verbrüderungen nur mehr ein Irrläufer. Die historische Erinnerung war nunmehr in den Annalen fixiert. Nicht unter den Verbrüderungen, sondern in der Annalenreihe würde man künftig die Eckdaten zum Leben der Heiligen suchen.
Binnen einer Generation vollzieht sich dieser Prozeß. Wenn die individuelle
Erinnerung erlischt, da die Augenzeugen sterben, wird es Zeit, für die
memoria eine überpersönliche Form zu finden. Das ist der Punkt, an dem das
Bedürfnis nach einer Lebensbeschreibung unabweisbar wird. Wir dürfen deshalb
dem Epilog der älteren Vita S. Wiboradae Glauben schenken, daß man in St.
Gallen um die Mitte des X. Jahrhunderts daran dachte, eine Vita der Heiligen
zu schreiben10.
Wir haben auch keine ernsthafte Alternative zur Angabe im selben Kapitel,
daß Ekkehart I., der Dekan († 973), beauftragt war, die Vita, deren
Grundzüge durch die genannten Einträge schon feststanden, niederzuschreiben.
Entgegen einem früher geäußerten Zweifel möchte ich auch die Nachricht —
immer im selben
| 926 | Martyrium | |
| um | 930 | Eintrag ins Profeßbuch |
| um | 950 | Historische Notiz unter den Verbrüderungen |
| ca. | 956 | Aufnahme in die Annalen |
| um | 960/970 | erste Vita |
Nach und neben der ersten Vita gibt es noch andere lateinische Texte zur Verherrlichung der Heiligen: Eintrag in Kalendar13 und Litanei14, Meßformulare15, Sequenz16, Hymnus17, Offiziendichtung18, Verse Ekkeharts IV.19 und Epitaphien20. Dazu kommt die vielfache Erwähnung der heiligen Wiborada in der bekannten sanktgallischen Klostergeschichtsschreibung. Adolf Fäh hat im zweiten Band seiner Millenniumsschrift von 1926 viel für die Erschließung dieses reichen Materials getan, das noch nicht restlos aufgearbeitet ist. Manche dieser Texte werden um 1047, dem Jahr der Heiligsprechung Wiboradas, entstanden sein. Einen vorläufigen Schlußpunkt dieser literarischen Tätigkeit zum Ruhm der Martyrin des X. Jahrhunderts bedeutet dann die um 1075 geschriebene zweite Vita S. Wiboradae des Herimannus, die eine inhaltliche und stilistische Umgestaltung der älteren Vita S. Wiboradae nach dem Geschmack des XI. Jahrhunderts darstellt.
Das XV. Jahrhundert hat wieder an den biographischen Texten gearbeitet. Aus der jüngeren Vita S. Wiboradae wurde ein Auszug hergestellt21. Etwa gleichzeitig unternahm man deutsche Übersetzungen der Wiboradavita. Der Mönch Friedrich Colner († 1451) brachte Lebensbeschreibungen der sanktgallischen Hausheiligen Gallus, Magnus, Otmar, Wiborada und Ascetica «mit großer arbait vß dem subtilen latin zu disem ainfaltigen tutsch»22. Grundlage seiner Übersetzung war die jüngere Vita S. Wiboradae des Herimannus. Empfänger des deutschen Codex war — wie so oft bei deutscher Literatur des späten Mittelalters — ein Frauenkloster, St. Georgen oberhalb St. Gallen.
Colners Arbeit wurde alsbald überboten durch die des St. Galler Bürgers Konrad Sailer, der mit dem Leben der vier sanktgallischen Hausheiligen eine Reihe anderer Heiligenviten verband23. Trotzdem behielt sein Buch den Charakter eines sanktgallischen «Codex domesticus deutsch» dadurch, daß nur die Leben von Gallus, Magnus, Otmar und Wiborada illuminiert wurden. Am reichsten ist das Wiboradaleben bebildert. Nicht weniger als 53 Miniaturen begleiten den deutschen Text von Station zu Station. Auch diese zweite deutsche Übersetzung war für die Frauen im Wiborada-Kloster zu St. Georgen bestimmt. Preislieder auf St. Wiborada schrieb in deutschen Versen der sanktgallische Konventual Anton Widenmann im Jahr 1641. Sie sind im Codex 1257 der Stiftsbibliothek St. Gallen erhalten.
- 1
- St. Gallen, Stiftsarchiv Cod. Class. I. Cist. C.3.B.56, p. 14. Facsimile bei , Das Profeßbuch der Abtei St. Gallen, Augsburg 1931, tab. 16 .↩
- 2
- , p. 18 .↩
- 3
- De pretioso sanguine domini nostri c. 32, ed. T. Klüppel, Die Reichenauer Heiligblut-Reliquie, Heidelberg 3 2015, p. 62-64 . Zur Parallele und zum Kontrast , Eremus und Insula. St. Gallen und die Reichenau im Mittelalter, Wiesbaden 2 2005, p. 42, hier p. 37 .↩
- 4
- St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. 915, p. 8. Facsimile dieser Seite bei , Die Vitae S. Wiboradae, 1970, tab. 11. Das Endungs-s von paganis ist durch Beschneiden des Blatts verlorengegangen. Überblick über die Handschrift , «Der Codex Sangallensis 915. Ein Beitrag zur Erforschung der Kapiteloffiziumsbücher», in: Landesgeschichte und Geistesgeschichte (Festschrift Otto Herding), Stuttgart 1977, p. 42-55. ↩
- 5
- Stiftsbibl. Cod. 915, p. 208 und 209. Beide Seiten sind abgebildet bei (wie Anm. 4), tab. 9 + 10 . ↑ ist das griechische Zahlzeichen für 900.↩
- 6
- Über die Bezeichnung der Ungarn mit Agareni («Araber»?) , Die Ungarn in St. Gallen, Zürich-Lindau-Konstanz 1957, p. 57 sq. und (wie Anm. 4), p. 144 sq. ↩
- 7
- Man vergleiche etwa St. Gallen Stiftsarchiv Urk. IV 495 (Wartmann 807) a. 959/960, abgebildet bei (wie Anm. 1), tab. 38 .↩
- 8
- Zuletzt (wie Anm. 4), p. 148-150 [Lit.].↩
- 9
- , «Die annalistischen Aufzeichnungen des Klosters St. Gallen», MVG 19, 1884, p. 360 sq. ; , Die St. Galler Annalistik, Ostfildern 2019, p. 17 ↩
- 10
- Ältere Vita c. XLV, siehe unten. Dazu , «Das Verfasserproblem der Vita S. Wiboradae», ZSKG 66, 1972, p. 250 sqq. ↩
- 11
- Dazu veranlaßt mich die Untersuchung «Sanktgallische Offiziendichtung aus ottonischer Zeit», in: Lateinische Dichtungen des X. und XI. Jahrhunderts (Festgabe Walther Bulst), Heidelberg 1981, p. 13-48, bes. p. 28. ↩
- 12
- , ZSKG 66, 1972, p. 276 sq. und Alemannisches Jahrbuch 1973/1975, p. 326 sq. ↩
- 13
- zum Beispiel in den Sakramentaren St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. 339, 340 und 341, saec. XI, sowie dem Missale Einsiedeln, Stiftsbibliothek 113 (466), saec. XI ex. In den Kalendarien aller vier Handschriften stehen auch Bischof Ulrich von Augsburg († 973) und Adalbert von Prag († 997), die neuen ottonischen «Reichsheiligen».↩
- 14
- St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. 360 (saec. XII), p. 17.↩
- 15
- zum Beispiel St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. 339, p. 288 (388), Cod. 340, p. 767 und Cod. 341, p. 734; Einsiedeln, Stiftsbibliothek 113 (466), p. 12. Das Wiboradafest wurde am 2. Mai gefeiert. Ekkehart IV. (unten) und ihm folgend Herimann (unten) erklären die Verschiebung um einen Tag so, daß zwar der 1. Mai der Tag der Passion, aber erst der 2. Mai der Todestag gewesen sei.↩
- 16
- Aus Stiftsbibliothek Cod. 546 («Codex Branderi», a. 1507), fol. 138v (alt 103v) unkritisch gedruckt von , Lateinische Hymnen des Mittelalters, Einsiedeln-New York-Cincinnati 1868, p. 327 nr. 566 . Die Sequenz entspricht völlig der Sequenz De sancta Margareta, edd. Cl. Blume - H. Bannister, Analecta Hymnica t. 53, Leipzig 1911, p. 293 nr. 180 . Sie ist noch in weiteren vier sanktgallischen Handschriften erhalten, cf. , Verzeichniss der Handschriften der Stiftsbibliothek von St. Gallen, Halle 1875, p. 516 s.v. Gaude semper serena .↩
- 17
- St. Gallen Stiftsbibliothek Cod. 503k (saec. XIV), fol. 235v. Inc. Festum diem Wiboradae Virginis et martyris, ed. H. Canisius, Antiquae lectiones t. 5, Ingolstadt 1604, p. 789 ; ed. G. M. Dreves, Analecta Hymnica t. 23, Leipzig 1896, p. 291sq., nr. 519 . Die Zuschreibung s an Ekkehart I., ( ZSKG 45, 1951, p. 109-114 ) ist kaum haltbar.↩
- 18
- ed. , «Historia S. Wiboradae. Das sanktgallische Wiborada-Offizium des XI. Jahrhunderts», Mittellateinische Studien t. 2, Heidelberg 2010, p. 193-204 .↩
- 19
- , Der Liber Benedictionum Ekkeharts IV. nebst den kleinern Dichtungen aus dem Codex Sangallensis 393 , St. Gallen 1909, s.v. Wiborada. Dazu auch Ekkeharts eigenhändige Anmerkungen im sanktgallischen Exemplar der Ulrichsvita Berns von der Reichenau, Stiftsbibliothek Cod. 565. Dort bemängelt Ekkehart z.B. auf p. 372, daß die Ulrichsvita den Ungarneinfall des Jahres 926 nicht erwähnt, quando apud nos Uuiborada ab eis est passa.↩
- 20
- Zum ersten unten und in der Appendix der Edition der älteren Vita S. Wiboradae. Ein zweites Epitaphium enthält St. Gallen Stiftsbibliothek Cod. 613 («Codex Gaisbergianus» a. 1526), p. 73. Sein Eingangsvers ist ein Zitat aus Ekkehart IV.: Effert virgo duas martyr Wiborada coronas, cf. Liber Benedictionum, ed. Egli, p. 224 .↩
- 21
- St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. 1034, p. 220-236.↩
- 22
- St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. 586; cf. , Die Ungarn in St. Gallen, p. 72 . , Sankt Otmar in Kult und Kunst, St. Gallen 1966, p. 64 sq. , Die Vitae S. Wiboradae, p. 18 sq. ↩
- 23
- St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. 602; cf. , Die Ungarn in St. Gallen, p. 63-67 und 72 sq. , Sankt Otmar in Kult und Kunst, p. 65 sq. , Die Vitae S. Wiboradae, p. 19-23 . Welchen Mißverständnissen das Reklusentum im XIX. Jahrhundert ausgesetzt war, zeigt das Zerrbild der heiligen Wiborada in Victor von s Ekkehard (1855). Die große Tradition des Reklusentums in St. Gallen macht sichtbar , «Quellen zur Geschichte der Inklusen in der Stadt St. Gallen», MVG 41/2, St. Gallen 1953 .↩