AT Linthaugia; Lindau
Constantia; Konstanz
Aber Cilia war neidisch und erbost über die Jungfrau wegen ihres Ungehorsams und fürchtete zugleich, ihr Gewinn werde geschmälert, wenn diese lange Zeit dort bleibe. Daher meldete sie dem Bischof, sie wolle mit ihm unter vier Augen sprechen. Nach seiner Ankunft — und nachdem die übrigen entfernt waren — sagte sie voller Heimtücke, aber unter dem Anschein der Zuverlässigkeit vieles über die Jungfrau, unter anderem auch folgenden Satz: «Ich habe von eurem geistlichen Plan hinsichtlich jenes Mädchens erfahren, nämlich daß ihr sie bei Gelegenheit irgendwo einem Nonnenchor einfügen wollt, damit sie, geschützt vor den Fluten dieser Welt, sich ungehinderter dem Gottesdienst widmen kann. Ferner habe ich gehört, daß ihr eine Reise nach Lindau vorhabt. Sie dort unterzubringen, würde ich, wenn ihr nichts anderes vorhabt, vorschlagen, einmal, weil man dort eine sehr geistliche Lebensführung pflegt, dann auch, weil ihr Eintritt dort rascher möglich ist, da dort alles nach euren Anweisungen geschieht.» Der Bischof aber meinte, das alles gehe aus der Wurzel der Liebe hervor, und freute sich. So ordnete er an, ein Schiff auszurüsten, und schickte einen seiner Diener, um der seligen Jungfrau mitzuteilen, sie solle sich, wenn er zum Schiff gehe, bereithalten, mit ihm zu der genannten Insel zu fahren. Aber jene hatte, bevor die Gesandtschaft des Bischofs eintraf, die Kirche betreten und lag vor einem dem heiligen Gallus geweihten Altar hingestreckt, um zu beten. Und wie es Gottes Wille war, schlief sie über ihren Gebeten ein. Da erschien ihr als Weissagung und Traumbild der heilige Mann, streckte ihr ein blutbesudeltes Gefäß voller Unrat entgegen und sagte: «Wenn du an den Ort kommst, wohin der Bischof dich führen will, dann wirst du dich von so unreiner Speise ernähren und vom Blut der Rekluse Kerbirg trunken werden.» Als sie erwachte und sich über den Traum wunderte, traf sie der Bote in diesem Zustand der Verzückung an. Als er ihr die Aufträge des Bischofs ausgerichtet hatte, erwiderte sie ihm kein Wort, sondern schickte ihn fort, ohne ihn angesprochen zu haben. Als der Bischof das erfuhr, wunderte er sich und schickte einen anderen, und dann noch einen dritten. Aber die Jungfrau verharrte in ihrem Schweigen. Darauf führte der Bischof im Glauben, sie habe eine Vision gehabt, seine Schiffsreise durch und kehrte noch am selben Tage, da er Gott als Steuermann hatte, glücklich zur Stadt zurück. Als er zu Tisch saß, vergaß er nicht seine alte Gewohnheit, sondern schickte alles Notwendige an Speisen und Getränken dem ehrwürdigen Mädchen. Cilia aber hatte er schon jetzt vollkommen vergessen. Denn für sie begann sich nun das Blatt zu wenden, so daß sie nach einigen Jahren, nachdem man ihr das Fell ihrer vorgetäuschten Heiligkeit abgezogen hatte, auch aus ihrer Klause entfernt wurde, ohne Zweifel auf einen Wink Gottes, der sich gewiß nicht länger von seinen Gläubigen im ʻGötzendienstʼ verherrlicht sehen wollte.
- p
- Et Cilia (corr. ex Cilica)↩
- q
- eo C.↩
- r
- de virgine desunt B C et Basil. D.I.18 ; in marg. suppl. Cod. Vad. 70 ↩
- s
- ibi B.↩
- t
- pergit C.↩
- u
- et in potibus B.↩
- v
- aliquot C.↩